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Um also zu erfahren, warum heute noch Gregorianischer Choral gesungen werden sollte, was er in kirchlicher Liturgie heute bedeuten kann, müssen wir ihn zunächst da wieder aufspüren, wo er uns begegnet, aber auch fragen, warum er uns da nicht mehr begegnet, wo wir es eigentlich von ihm erwarten dürften. Der Gregorianische Choral erwuchs im frühen Mittelalter aus dem Gebet und der Kontemplation der Mönche - vor allem des Psalters - und ist eine besondere Form gesungener Meditation, also einer Übung, die mit Hilfe der dauernden Wiederholung bezweckt, zu Bewußtseinsschichten vorzudringen, die dem Verstand und allen Bestrebungen, immer wieder nach Anderem Ausschau zu halten, zunächst verschlossen sind. Der Gregorianische Choral will das, was die Gedanken übersteigt in einem anderen Medium als der Sprache ausdrücken und ist damit echte seelische Ausdruckskunst, die in der Form des einfachen Gesanges, der ruhigen Melodie die Ehrfurcht vor dem Heiligen, das Moment der Verehrung des Ewigen hör- und vernehmbar macht. Von daher kann der Gregorianische Choral von seiner Natur aus dort nicht hohes Ansehen geniessen, wo es darum geht, althergebrachte, überlieferte Formen von Gottesdienst gegen neue und andere auszutauschen, die von der Zielvorstellung ausgehen, "vom modernen Menschen ‚verstanden' werden zu können". Viele Vertreter dieser Auffassung waren daher ständig auf der Suche nach Anderem als dem Bisherigen und sahen im Gregorianischen Choral eine ideologisch gefärbte Erkennnungsmelodie für das Ewig- Gestrige. Nicht wenige meiner für den Choral hochmotivierten Studenten müssen nach Antritt ihrer ersten Stelle gewahr werden, daß der Pfarrer ihnen bedeutet: "Nur ja kein Latein in der Messe. Das verstehen die Leute nicht mehr." Diesen Seelsorgern konnte die muttersprachliche Liedproduktion in den 70er und 80er Jahren nicht reichhaltig und flach genug sein, um mit ihr endlich und endgültig den "alten Zopf" des Gregorianischen Chorals abzuschneiden und mit dem "Cantate Domino canticum novum" als schlagendem, "biblisch" verbürgten Argument im Rücken, eine Flut von "neuen" geistlichen Liedern zu schaffen, die den modernen Menschen von heute ansprechen sollten und eine "neue", vor allem junge Klientel in den Gottesdienst bringen sollten. Diese Mentalität hat in über 20 Jahren ihrer Wirksamkeit zwar dem Gregorianischen Choral in der liturgischen Breitenwirkung in der Tat den Garaus gemacht, die Besucherzahlen der Gottesdienste auf breiter Front aber nicht erhöhen und auch das Alter nicht dauerhaft verjüngen können. Ihr muß die Feststellung der Liturgiekonstitution vom 4. Dezember 1963, daß "die Kirche den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang" ansehe und er demzufolge in all ihren Feiern den ersten Platz einzunehmen, habe wie blanker Hohn klingen.
Nun hat sich aber die Situation in den 90er Jahren grundlegend gewandelt.
Der Musikmarkt hat sich des Gregorianischen Chorals bemächtigt. Er wurde
nun aus seiner verstaubten katholisch - liturgischen Ecke plötzlich
ins Rampenlicht "globalisierter" Esoterik befördert. Ein Schlaglicht
dieser Szene: Eine bekannte Versandhauskette pries ihre CD- Box mit
ungefähr diesen Worten an: "Unsere Edition "Klangwelt der Klöster" dokumentiert
auf acht CDs verschiedene liturgische Formen, verschiedene Repertoires
und unterschiedliche Gesangsstile einzelner Klöster. Von dieser frühen
Kirchenmusik geht eine Faszination aus, der man sich auch Jahre nach
dem Kirchenaustritt nicht entziehen kann"! Ein anderes: Choralkonzerte
in großen Städten, die oft länger als eineinhalb Stunden dauern sind
bis auf den letzten Platz gefüllt. Am Ende will kein Applaus, der ja
längst auch unsere Liturgien erreicht hat, die himmlische Ruhe stören.
"Wie schön", sagte mir ein Teilnehmer des Konzertes, "wie schön, daß
der Gregorianische Choral eine Renaissance erlebt!" Stefan Klöckner,
Professor für Gregorianik an der Folkwanghochschule in Essen, veröffentlichte
im März diesen Jahres zum 1400- jährigen Jubiläum des Papstes Gregor
(gest. 604), der dem Gregorianischen Choral seinen Namen gab, in der
Frankfurter Zeitung einen Beitrag, dem er die bezeichnende Überschrift
gab: "Gregorianik in Chill-out-Zonen". (d.s. die Bereiche in Diskotheken,
in denen sich die Besucher nach mehrstündigem Aufputschen mit harter
Musik und Drogen wieder "erholen")
Der
nächste Blick - jetzt ins Konkrete - wird das Dargelegte an einem Beispiel
erläutern müssen (s. Notenbeispiel 1). Leider ist es im Rahmen dieses
Beitrages, der ganz auf die Wahrnehmung durch die Augen aus ist und
verständig gelesen werden will, nicht möglich, dem Lesen das Klangereignis
"akustisch" mitzuteilen, der Verfasser hofft aber dennoch, daß wesentliche,
auf den Klang bezogene Bemerkungen nachvollziehbar sind.
Notenbeispiel
1 Das Beispiel zeigt uns ein Gesangsstück des Gregorianischen Chorals in seiner ersten schriftlichen Bezeugungsform. Es ist entnommen dem Codex 359 der Stiftsbibliothek von St. Gallen, einem sog. "Cantatorium", in dem liturgische Gesänge für den Gottesdienst enthalten sind, an denen maßgeblich ein Solist beteiligt ist. Es ist um das Jahr 930 geschrieben. In ihm ist als Notation eine Art stilisierte Dirigierschrift verwendet, aus der sich die Namen der Zeichen - "Neumen" (von neumos (gr.) die Handbewegung von Bedeutung - ableitet. Es ist wichtig, festzustellen, daß es sich hier nicht um einen musiktheoretischen Traktat aus dem Mittelalter handelt, sondern um ein Dokument der gottesdienstlichen Praxis. Hier im Besonderen um das Graduale des Sonntags Quinquagesima, das heute am 6. Sonntag im Jahreskreis gesungen wird. Das Graduale ist ein Gesangsstück, das nach der Lesung vorgetragen wird und der Meditation über das gehörte Schriftwort Raum geben will. Sein besonders ausführlicher Vertonungsstil zeitigt eine melodisch reiche und rhythmisch sehr subtile Gestalt eher lyrischen Charakters. Für diese schwierige Aufgabe steht die Schola bzw. der Solist im Dienst. Man kann - ohne im einzelnen die Bedeutung der Zeichen zu kennen - sehr schön an diesem Beispiel sehen, mit welch subtiler Sorgfalt, mit welch liebevoller Hingabe und mit welch feinen grafischen Differenzierungen die Neumenzeichen gesetzt sind, die auch noch durch eine ganze Liste von Buchstaben ergänzt werden. Wohlgemerkt: es handelt sich nicht um Noten in unserem herkömmlichen Verständnis, Noten, die einen melodischen Verlauf in einem "hoch-tief- System" einer heute üblichen Notenschrift abbilden. Die Melodie in ihrem genauen Verlauf läßt sich aus diesen Zeichen kaum bis gar nicht ableiten. Sie ist "par-coeur" - auswendig! - gewußt. Was von ihr aufgezeichnet wurde, ist ihr "spirit" - wenn man so will eben eine theologische Klanginterpretation des gesungenen Wortes. Der Text ist dem Psalm 76 entnommen: "Du bist der Gott, der allein Wundertaten vollbringt. Du hast Deine Tauglichkeit vor den Völkern kundgetan" (Vers 15). Was also geschieht: Der Sänger versucht niederzuschreiben, was nicht niedergeschrieben werden kann: die ihm durch intensives, wiederholtes hörendes Lesen alltäglich geschenkte Erfahrung der Wirklichkeit Gottes in seinem Leben. Ihr gibt er eine klingende Melodiegestalt, um mit ihr "in der Gemeinde der Frommen sein "neues" Lied von den Wundertaten des HERRN zu singen. So wie die Melodiegestalt durch das stetige Hören auf den Klang und den Sinn der Worte in die Schatztruhe seines Herzens heimgeholt wurde, so läßt er sie vernehmbar werden durchs Singen im liturgischen Vollzug am besonderen liturgischen Ort. Dieser Sänger des Graduale hat also sich dem Heiligen Wort mit größter Ehrfurcht genähert, hat gespürt, daß alles Geschehen von jedem Atemzug seines Lebens bis zur Perspektive eines ewigen Lebens im Licht des Auferstandenen eine Manifestation dieses "Tu es Deus, qui facis mirabilia" ist, hat persönliche Beziehung zu diesem Wort aufgenommen und läßt nun in seinem Herzen eine Antwort wachsen, die intimer und herrlicher kaum ausgesungen werden kann. Meister Eckhart spricht davon, "daß Beziehung das Wesen von allem ist". Hier kann also am konkreten Beispiel deutlich werden, worum es geht: Der Sänger fängt in den Tönen auch das noch ein, was die Gedanken übersteigt. Hier ein Beispiel, wie der Gregorianische Choral eine seelische Ausdruckskunst ist, die in der Form des einstimmigen Gesanges mit ruhiger Melodie die Ehrfurcht vor dem Heiligen hör- und vernehmbar macht, dabei höchstes künstlerisches Niveau beanspruchen darf.
So können wir konstatieren, daß der Gregorianische Gesang sprachlogischen
Erfordernissen folgt und seine Ästethik von Wort und Text gezeugt ist
bei gleichzeitiger Implikation von Sinn. Wenn nun aber Liturgie ein
"theo"-logischer Vorgang ist, in dem Gottes Wort zur Sprache kommt und
sein Wort verkündet wird, dann wird eine Musik, die dieses Wort in unnachahmlicher
Weise be- "tont" und ihm einen unverwechselbaren Klangleib verleiht,
einen Platz in diesem liturgischen Vollzug beanspruchen können und dürfen.
Das aber hat Konsequenzen. Der Gregorianische Choral - so gering seine
Breitenpräsenz in der nachkonziliaren Liturgie "noch" ist, darf in der
kirchenmusikalischen Ausbildung seit jeher einen recht breiten und wichtigen
Raum einnehmen. Geschieht dies vielleicht deswegen, weil zumindest die
dort Lehrenden wissen und die Lernenden erfahren, daß der Gregorianische
Choral eine Schule mit einem besonderen theologischen Leistungskurs
ist, in der farbig, kreativ und lebendig, ja sogar subjektiv und mustergültig
und künstlerisch hochwertig gelernt werden kann, was Liturgie im tiefsten
meint und daß er der Liturgie wieder die mystische Komponenete zu erschließen
vermag, die die aufgeklärten Zeitgenossen mit so bewundernswürdiger
Perfektion aus ihr eliminiert haben. Ich weiß aus meinen langjährigen
Erfahrungen in der Vermittlung des Gregorianischen Chorals, daß meine
Studenten, die durch diese Schule gegangen sind, auch eine Motette von
Bach und eine Messe von Mozart anders verstehen. Die zweite Konsequenz:
Wenn wir heute den Gregorianischen Choral interpretieren wollen, können
wir das nicht tun, ohne diese in diesen Handschriften niedergelegten
Interpretationen zur Kenntnis zu nehmen und intensiv zu studieren. Die
umfassenden Forschungen und präzisen Studien von dem Solesmer Mönch
Eugène Cardine (1905-1988) haben dieses Gebiet ganz neu und kompetent
vermessen. Sie sind in seiner Semiologie grundgelegt, einer hermeneutischen
Wissenschaft, die aus dem Studium der Zeichensysteme der alten Handschriften
Aussagen über die Ästethik und die Interpretation macht. Sie darf heute
weltweit als Richtschnur für eine angemessene und schlüssige Interpretation
gelten. Wenn auch die Originale dieser Handschriften heute in klimatisierten
Tresoren verwahrt werden, so wird dies doch heute umfassend möglich
durch das 1979 erschienene "Graduale Triplex", einer Ausgabe des Graduale
Romanum, das - was die Messe betrifft - den Großteil des Repertoires
verzeichnet. In diesem Graduale sind unter bzw. über den Melodieverläufen
die Neumen zweier ältester Handschriften mitabgedruckt (s. Notenbeispiel
2).
Der vierte Blick wendet sich einer kleinen Antiphon zu, an der das bisher Gesagte noch einmal exemplarisch zu Wort kommen soll, um das Dargelegte an einem Beispiel zu vertiefen, also die eigentlich angemessene Stellung des Gregorianischen Chorals und seines Beitrages für unser Glaubensleben in "neue" Erinnerung zu rufen. Die Antiphon (Notenbeispiel 3) rahmt im Stundengebet der Kirche den Psalm 117 am 3. Adventssonntag.
Um die besondere Gestalt der Antiphon zu erfassen, empfiehlt es sich, den lateinischen Text mehrmals laut zu lesen, auch deutlich den Klang auskostend. Wir erspüren einen zweizeiligen Organismus mit einem klar ausdifferenzierten, vom Atem gesteuerten Sprachbogen, der die reguläre Struktur eines Psalmverses mit Spannungshöhe beim Asteriskus (*) und Abspannung zum 2. Versende aufweist. Beide Teile sind ihrerseits aus kleineren Bögen zusammengesetzt, die den großen Bogen auf- bzw. abbauen. Der Höhepunkt liegt bei dem Wort "quia", das als einziges die höchsten Noten und auf beiden Silben Zweinotengruppen enthält. Auf den ersten Blick mag es unverständlich sein, daß der Höhepunkt des Liedes auf diesem Wort liegt. Auf den zweiten aber mag uns klar werden, daß hier im Text von etwas die Rede ist, das wir nicht begreifen können: Gott wendet sich uns unverdient zu. Bedenken wir, daß die Antiphon nicht heißt: Der Heiland kommt dich zu retten, also nun freu dich mal richtig! Nein! Die Freude als seelische Emotion ist Erkenntnismittel für die Heilstatsache. Deswegen muß die Antiphon auch mit "alleluia" enden. Sodann wird uns auffallen, ohne daß wir im einzelnen Noten lesen müssen, daß der Verlauf der ganzen Melodie der gesprochenen Rede aufs Genaueste folgt. Die Betonungen des Textes finden eine sehr schöne, auf Abwechslung hin ausgerichtete Gestaltung: "Jerusalém" (die hebr. Betonung liegt auf der letzten Silbe!) und "gáudio" erhalten eine bezüglich ihrer Umgebung relativ höhere Note, die betonten Worte danach, "gaude" und "magno" sind dagegen mit einer kleinen zweitönigen Figur versehen. Auch im abspannenden zweiten Teil gilt diese Abwechslung, die besonders schön bei "tibi" den Abwärtsbogen aufhält und mit der höheren Note bei "tíbi" quasi einen musikalischen Fingerzeig gibt, daß die Heilstat Christi den Sänger persönlich meint. Dazu geben uns die über die Noten gesetzten Neumen aus dem Codex Hartker (um 1000 geschrieben) noch wichtige zusätzliche Hinweise: Man male das Zeichen bei "gaude" mit der Hand in die Luft um zu sehen, daß man beim Singen von "gaude" den Mund weit machen muß: "gaude - freue dich" läßt sich mit zusammengebissenen Zähnen eben gar nicht singen. Das Zeichen bei "alleluia" gibt einen feinen Hinweis darauf, daß "l" singend auszukosten, es ist, was wir schon längst vergessen haben, ein Halbklinger. So wird schon an diesem kleinen Stück deutlich, wie sehr der Choral bis in die feinsten Verästelungen aus dem Wort lebt, wie der Klang des Wortes ihm Formelemente gibt, wie der Sinn des Wortes ihm Ausdruck und Gliederung verleiht und energievoller Rhythmus sich mit abgewogenem Maß paart und so "außen" und "innen" vollständig zusammenstimmen. Als "musica orans" ist es so ein Lied, das wie ein kleiner Diamant ist, der sich in mehr als 1000 Jahren Gesangspraxis nicht abnutzt, das, wenn wir so wollen, als gesungenes Mantra dienen kann. Die Dichterin Marie Ebner Eschenbach hat es so formuliert: "Ein kleines Lied, wie geht's nur an, daß man so lieb es haben kann? Was liegt darin? Erzähle! Es liegt darin ein wenig Klang, ein wenig Wohllaut und Gesang, und eine ganze Seele." Dies beim häufigen Singen oder auch Hören neu zu erleben, ist vielleicht das erstaunlichste und offensichtlich wieder vielen Suchenden, die plötzlich durch wiederholtes Kauen die Süßigkeit von Vollkornbrot entdecken, ein Staunen wert, nachdem sie sich lange Jahre von "gesungenem Fastfood" haben abspeisen lassen. Natürlich ist das Repertoire des Chorals so groß und auch teilweise künstlerisch so hochstehend, daß nicht jeder alles mitsingen kann. Aber verhält es sich nicht auch bei der Ikone so: Es will und kann nicht jeder eine Ikone schreiben, aber als Glaubensbild hat sie eine bis heute nicht getrübte Aussagekraft. Doch einmal auf die Fährte gebracht, wird gerade auch mit dem Choral ein inneres Hören wachsen, so daß diese in der Antiphon ausgesungene Freude auch in einem hörenden Lassen mitschwingen kann, ohne daß der vernünftige Kopf mit seinem Verstehenwollen allezeit hinter der Freude herhinkt.
So mag an diesem kleinen Stück deutlich geworden sein, daß der Choral
eigentlich gesungenes Gebet und Zeugnis religiösen Lebens ist, das in
Gemeinschaft ausgeübt und vollzogen wird. Ohne eigenes inneres Engagement
von seiten des Ausführenden wie des Hörenden - das meint der oft so
mißverstandene Begriff der "actuosa (nicht "activa"!) participatio"
eigentlich - bleibt das Wesentliche verborgen sowohl beim Hören einer
Choral-CD wie auch beim nur auf intellektuelles Verstehen und Aktivität
ausgerichteten liturgischem Vollzug. Bei demjenigen, der bereit ist,
diese "Gage" zu investieren, vermag der Choral ebenso wie auch die Ikone
das Einüben in das "Sich- Loslassen" zu bewirken, und weil beide aus
dem Geist der Hingabe an das Heilswort erwachsen sind, vermag der Choral
beim Singenden und bei den Hörenden, vermag die Ikone beim Schreibenden
und den Betrachtenden diesen Geist zu wecken und zu fördern. Dies kleine
Lied steht so also da als beredter Zeuge für die unbestreitbare religiöse
Tiefe des Gregorianischen Chorals und der ihm eigenen Kraft, in die
Tiefe zu wirken und zur Mitte zu führen, Elemente, die die hochstehende
Form der Meditation begründen. Er läßt durch seine im besten Sinne unerreichte
Einfachheit den tiefsten Sinn des göttlichen Wortes als Logos hörbar,
spürbar, fühlbar, offenbar werden. Schluß Der 5. Blick ist ein Blick zurück und voraus. Wer immer einen Blick tut in die abendländische Musikgeschichte, die im Mittelalter wesentlich eine Geschichte der liturgischen Musik ist, wird dort viele Zeugen finden, die vom Wort Gottes sich ergreifen liessen, sich vom Geist Gottes inspirieren liessen, um diesem Wort Klanggestalt zu geben. Am Beginn dieser Geschichte steht der Gregorianische Choral, der diese Wechselbeziehung modellhaft ausgeprägt und mustergültig formuliert hat. Er hat mit seiner Kraft, seiner Tranparenz und Reinheit vermocht, "objektive" Liturgie und "private" Kontemplation zu vereinen, zwei Bereiche, die heute leider nur noch getrennt wahrgenommen werden. Hier liegt der Grund, daß die Kirche ihm in ihren Verlautbarungen zur Kirchenmusik den Ehrenprimat zuerkennt, der ja nicht bedeutet, daß der Choral den einzigen Platz einnehmen sollte, aber ganz gewißlich eben einen. Das heißt aber auch, daß es in der Kirche wieder Orte geben muß, an denen dieser Gesang ausschließlich geübt wird. In der weiteren Musikgeschichte ist es Komponistenpersönlichkeiten wie Dunstable, Dufay, Ockeghem, Josquin des Prés, später auch Bach und Schütz und auch Mozart und Bruckner bis hin zu Strawinsky auf ihre einzigartige, tiefe, gültige und kompetente und qualitätsvolle Weise gelungen, das Wort Gottes Klang werden zu lassen. Was also? Der Vielfalt der Qualität, das Wort Gottes Klanggestalt werden zu lassen, sollten wir Raum in unseren Liturgien verschaffen. So bedeutet das "neue Lied" zu singen, nie und nimmer und nirgendwo und auf keine Weise das in uns Fleisch gewordene Wort Gottes der Vergessenheit anheim fallen zu lassen so wie es der Psalm 118 in immer wieder neuen Wendungen aussagt, auch mit dieser: "Be- ‚herz'- igen will ich Dein Wort und Deine Worte nicht vergessen." |
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